Kerzenkunst

 

Karen Fiedler gestaltet Kerzen für Kirchen und Private – Kunstwerke zum Abrennen

11.04.20 03:00 Offenbach Post online

Ausarbeitung im Detail: Mit dem Pinsel gibt Karen Fiedler dem Wachsbild der Osterkerze Tiefe.

© Foto: m

Es gibt Künstler, die schießen perspektivisch wertvolle Fotos, spielen mitreißende Musik oder zaubern mit Pinsel und Farbe auf die Leinwand. Karen Fiedlers Grund ist rund, ihre Motive winden sich um einen kräftigen oder schlanken Schaft.

Obertshausen – Ist's zu kalt, bröselt das Material, ist es zu heiß, verlaufen Bilder und Basis. Die studierte Kunsthistorikerin arbeitet mit Wachs, gestaltet alljährlich die Osterkerzen für die katholische Kirchengemeinde Hausen.

Das Naturprodukt war nicht immer ihr Medium. 1997 zog die Frankfurterin nach Hausen, seit 17 Jahren stellt sie ihr pädagogisches Talent der Waldschule zur Verfügung. Als „Herrin über Nadel und Faden" unterrichtete sie Textiles Gestalten. Jetzt widmet sie sich NDHS, Schülern „Nicht-Deutscher Herkunftssprache", und leitet Vorlaufkurse vor der Einschulung.

„Ich habe schon immer kreativ gearbeitet", fasst sie ihren Weg zur Kunst zusammen. Vom Vater, einem passionierten Maler, hängen Aquarelle im Wohnzimmer. Das Wachs habe sie für sich entdeckt, als ihre Töchter zur Erstkommunion gegangen sind und die Tauf- als Kommunionkerzen nutzen wollten. Die Mutter formte Motive zum Thema der Vorbereitung. Sie hat Weinstöcke, Fische und Kreuze gestaltet, „das hat unheimlich viel Spaß gemacht", erzählt Fiedler.

Heute fertigt sie auf Bestellung, liefert Kerzen in die Region, bis ins Schwäbische oder nach München, arbeitet für die italienische Gemeinde, verschickt ihre Werke bis nach Amerika und nach Mexiko. Dabei künden Mundpropaganda und das Internet von ihrem Können.

Folgerichtig meldete sie vor elf Jahren ein Gewerbe an, was ihr auch einen günstigeren Einkauf des Materials ermögliche. „Karens Wachswerk" kreiert individuelle Kerzen für Taufen, Hochzeiten, Geburtstage und Trauerfälle. „Ich nehme immer Kontakt mit den Kunden auf." Im persönlichen Gespräch oder am Telefon sammelt sie Infos zu den feiernden Personen, zu Blumenschmuck, Saal- und Tischdekoration, an die sie ihre Kreationen anpasst.

Für die Ausstattung der Auferstehungskerzen spricht sie sich mit dem Pfarrer ab. „Er möchte das Positive im Vordergrund stellen, auch in der Trauerhalle", skizziert die Wachswerkerin die Eckpunkte. Alpha und Omega symbolisieren das ewige Leben, die Jahreszahl gehört freilich an den Sockel. Für die 2020er-Version formte sie das halbe Kreuz als Engel, der einen Flügel als Kreuzesarm schützend ausstreckt. Eine Taube fliegt auf das Zeichen zu. Auf der zweiten Osterkerze bildet die halbe Sonne die rechte Hälfte des Kreuzes, unterstreicht, „Jesus ist das Licht". Auch Regenbogen, Ähren und Kelch seien typische Ostermotive.

Im vergangenen Jahr schuf die Hausenerin ein einfaches Kreuz mit hunderten Blättern in vielen Farben: „Der Glaube lebt von der Vielfalt der Menschen, die glauben", erläutert Karen Fiedler das Bild und seufzt, „eine Wahnsinnsarbeit". Dazu durfte sie in der Osternacht ihre „Botschaft rüberbringen", was sie als besondere Wertschätzung ihrer Arbeit betrachtet.

In ihrem Atelier stechen Behälter mit vielen Pinseln und Stiften hervor. Die Farbe der sogenannten Verzierwachsstifte sei flüssig, erhärte sich an der Luft. Sie müsse in mehreren Schichten aufgetragen werden, damit sie intensiv wirke. Dazu verziert die Künstlerin den Rohling mit Platten vorgefertigter Motive oder mit flüssigem Wachs, mit Gold- und Silberstreifen. „Ich kann nicht zweimal dieselbe Kerze machen, jede ist ein Unikat".

Bei 40 Grad im Sommer steht die Produktion still, dann würde das Material schmieren. Und im Winter klebt es nicht – normalerweise genügt Handwärme, um Teile anzubringen.

Karen Fiedler repariert und säubert die Kerzen auch. „Das Tolle ist, sie brennen ab", spricht sie für ihr Geschäftsmodell. „Dann brauchen die Leute wieder eine."

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